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GRENZFALL / BORDERLINE-CASE
Eine fotografische Spurensicherung.

“Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.” Der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht am 15. Juni 1961.

“Sie wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben. Das ist schon erforderlich,
um unsere Republik vor Räubern zu schützen.”
DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker im Januar 1989.

Eines der monströsesten Bauwerke deutscher Geschichte wird es nicht mehr länger geben: Die Mauer.
So fassungslos man damals ihrer Errichtung gegenüberstand, so ungläubig ist man heute Zeuge ihres Verschwindens.
Sie musste nicht die ihr prophezeiten hundert Jahre stehen.Sehr schnell ist die Mauer, einmal zum Sturz freigegeben, zum Objekt marktwirtschaftlichen Geschäftsgeistes und folkloristischen Interesses geworden. Eine Flut von Touristen ergießt sich über den ehemaligen Todesstreifen. Der Handel mit Mauer-Souvenirs floriert. Man erwirbt ein Stückchen des ‘antifaschistischen Schutzwalls’ und trägt so ein originales Stück deutscher Geschichte nach Hause.
Ein riesiges Bebauungsgebiet quer durch Berlin ist entstanden, offen für behutsame Stadtplanung, brutale Spekulation und weitsichtige Konzernstrategien gleichermaßen.

Wenn das Tempo der Einigung Deutschlands auch das Zeitmaß für die Beseitigung der Mauer angibt, dann werden deren (sichtbare) Spuren sicher in wenigen Jahren getilgt sein. Umso wichtiger erscheint es mir, diesen Prozess der Vernarbung einer geschichtlichen Wunde aufzuzeichnen, wenn möglich, bis zur völligen Homogenität. Diesen Prozess zu dokumentieren, ist das Thema meiner fotografischen Arbeit, weil singulär in der neueren Geschichte und für die Zukunft Deutschlands von großer symbolischer Bedeutung.
Insofern betrachte ich meine Arbeit als fotografische und historische Spurensicherung. Der Zeitpunkt des Beginns der Arbeit liegt im Dezember 1989. Die Mauer war im Fallen begriffen. Seitdem verfolge ich kontinuierlich die Veränderungen in diesem ehemaligen Grenzgebiet.

Denn bald wird die Mauer, das Symbol deutsch-deutscher Trennung ‘nur’ noch Geschichte sein.

Norbert Enker, Sept. 1990